Neues Schildkrötenschutzprojekt in Nepal
Budoholi Turtle Conservation Centre (TCC) im Martyrs Memorial Park, Sanischare, Jhapa (Südost-Nepal)
Markus Baur, KaluRam Rai & Henk Zwartepoorte
Nach über 20 Jahren des Engagements, intensiver wissenschaftlicher Feld-Arbeiten und Lehrtätigkeiten in Nepal durch Prof. Dr. H. Schleich und seine Mitarbeiter wurde im Jahre 1997 in München der gemeinnützige Verein ARCO- Nepal (Amphibian and Reptile Conservation Society of Nepal) gegründet. Der Förderverein hat es sich zum Ziel gesetzt, den Schutz der Amphibien und Reptilien innerhalb Nepals erstmalig zu etablieren und wissenschaftliche Arbeiten in diesem Bereich zu fördern, zu koordinieren und in Zusammenarbeit mit den Behörden und Wissenschaftlern vor Ort aktiv zu werden.
Hierbei waren die bereits langjährigen Kooperationen Hermann Schleichs mit nepalischen Institutionen und Wissenschaftlern, seine engen Kontakte zur Regierung und zum damals noch herrschenden Königshaus, sowie sein hohes Ansehen dort von unschätzbarem Wert, öffneten Türen und halfen dabei, so manchen Weg zu ebnen.
Bereits vor der offiziellen Gründung von ARCO-Nepal war Prof. Schleich in Nepal aktiv und konnte, teilweise durch Unterstützung deutscher Stiftungen, sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und vieler mehr, vor Ort tätig sein. Im Rahmen dieser Forschungstätigkeiten war Dr. Tirtha Man Maskey, ehemaliger Generaldirektor der nepalischen Nationalparks, Zoodirektor und Ministerialrat ein unschätzbar wertvoller Kooperationspartner und Freund, dem es auch zu verdanken ist, dass ARCO-Nepal die notwendigen Erlaubnisse erhalten konnte, sich im Bereich des Schildkrötenschutzes zu engagieren und einzubringen.
Grundsätzlich stellt der Süden Nepals eine Erweiterung der Lebensräume und Populationen Nordindiens dar und sieht sich dort denselben Problemen ausgesetzt. Die dort ebenfalls arme Bevölkerung wächst beständig an, landwirtschaftliche und wirtschaftliche Interessen stehen im Vordergrund und Ökosysteme gehen unter diesem immensen Druck zugrunde.
Bezüglich der heimischen Amphibien und Reptilien, zu denen, neben den aus Indien bekannten Arten einige neue, für Nepal typische, teilweise ggf. endemische Spezies hinzu kommen, gestaltet sich der enorme Druck analog zu denen Indiens.
Der lokalen Bevölkerung bleibt kaum eine andere Wahl, als in die Schutzgebiete und Nationalparks einzudringen, Holzeinschlag und Weidewirtschaft zu betreiben und letztlich mit Rohstoffabbau und Wilderei zu überleben.
So ist das sich bietende Bild ähnlich dem in Indien, der Abbau von Sandbänken in Flusssystemen, Jagd, Fischerei, Überweidung und Erosion sind, neben Holzeinschlag, illegaler Landwirtschaft und der Veränderung bestehender Lebensräume durch die notleidende Bevölkerung selbst in den Bereichen der großen Schutzgebiete (für Nashörner, Elefanten und Tiger), wie des Chitwan Nationalparks ein schwer wiegendes Problem.
Bereits in den 1990-er Jahren wurde dieses Problem erkannt und in enger Kooperation mit der Regierung, der Universität und engagierten Mitarbeitern und Wissenschaftlern von ARCO-Nepal lanciert und vor Ort in erste Arterhaltungsbemühungen integriert. So konnten Schulkampagnen gestartet, Vortragsreisen und Informationsveranstaltungen für die lokale Bevölkerung wie aber auch für das Parkpersonal und Universitätsstudenten organisiert und mit enormem Erfolg durchgeführt werden.
Letztendes kann das jedoch alleine nicht ausreichen und so war und ist es eine Bestrebung von ARCO-Nepal, der lokalen Bevölkerung nicht einen primär von außen aufgezwungenen, schulmeisterlichen Artenschutz im Kolonialstil präsentieren zu wollen, sondern war und ist es Ziel der Bestrebungen vor Ort, die Bevölkerung im Sinne der Nachhaltigkeit in die Projekte einzubeziehen, Arbeitsplätze zu schaffen und auf eine gewisse Rentabilität der Projekte hinzustreben.
Diese sind einerseits möglich, dass ein sanfter Ökotourismus etabliert werden soll, andererseits, dass die alltägliche Notwendigkeit, Artenschutz- und Naturschutzbemühungen durch den täglichen Kampf um Nahrung und Auskommen erzwungenermaßen entgegenwirken zu müssen, durch integrierte Projektmitarbeit reduziert werden soll.
Leider wurden bereits bestehende laufende Projekte in Nepal, wie das Turtle Conservation Centre in Kasarah (Chitwan NP) aber auch das dortig etablierte und seinerseits durch die Zoologische Gesellschaft Frankfurt initiierte und unterstützte Ganges-Gavial-Projekt in durch anhaltend negative politische Entwicklungen, wie die Ermordung des Nepalischen Thronfolgers und zahlreichen Familienangehörigen, die politischen Unruhen in deren Folge, den Sturz des Königshauses und nicht zuletzt durch den stetig steigenden und anhaltenden Druck durch die Maoistenbewegung, die Nepal annähernd unregierbar machte und macht, wieder zunichte gemacht.
Nun bietet sich jedoch in Südostnepal, einem Gebiet mit der größten Artenvielfalt im Lande erneut eine weitere Gelegenheit, ein Schildkrötenschutzzentrum ins Leben zu rufen und zu etablieren.
So existiert mit dem ehemaligen Bimsen-See (heute Budoholi) ein als Weide- und Holzeinschlagsfläche missgenutztes Feuchtgebiet, letztlich als Stausee geplant aber durch Dammbruch wieder trocken gefallen und derzeit der Erosion preisgegeben. Mit relativ geringem Aufwand soll dieses Areal wieder in den Zustand eines artenreichen und fast luxuriösen Feuchtlebensraumes zurückgeführt und renaturiert werden, was es bis vor Jahren noch gewesen ist. Dabei soll ein bis 3m tiefer Stausee entstehen, durch einen Damm getrennt für zwei Drittel zu einem Erholungsgebiet und zu einem Drittel als Schildkrötenschutzprojekt geplant.
Im Rahmen dieser Renaturierung und Wiedervernässung sollen heimische Pflanzen und Tiere re-etabliert und geschützt werden. Zudem soll ein Parkprojekt, das der Bevölkerung einerseits zugänglich sein wird, das andererseits Arbeitsplätze und ein bescheidenes Einkommen der dortigen Bevölkerung sichern und garantieren soll, geschaffen werden. Derzeitig sind die lokalen, v. a. ärmeren Bevölkerungsgruppen einerseits auf Nebenverdienste aus der Fischerei und dem Verkauf der Schildkröten angewiesen und benötigen andererseits selbst jede nutzbare Proteinressource.
Hier soll nach dem bereits bewährten Konzept von ARCO Nepal e.V. verfahren und Fischern eine Anstellung innerhalb des Projektes ermöglicht werden, um deren lebenslange Erfahrungen zu Vorkommen und Biologie der Schildkröten direkt in den Nutzen des Arten- und Habitatschutzes einzubringen, und damit die in der geplanten Station gehaltenen Tiere erfolgreich nachzuziehen und zu pflegen.
Zudem sollen Alternativen zu Wilderei und Proteinbedarfsdeckung ermöglicht werden, indem Arbeitslätze im Naherholungsgebiet und als Mitarbeiter der Station angeboten werden.
Im Bereich dieses Parks wird ein neues Schildkrötenschutzzentrum entstehen, in dem zunächst einige der in Nepal heimischen Arten, allen voran Indotestudo elongata, Melanochelys tricarinata, Kachuga spp. aber auch die noch immer lokal als Nahrungsmittel und Proteinquelle genutzten und gewilderten großen Weichschildkröten (Aspideretes gangeticus, Nilssonia hurum, Lissemys punctata sowie Chitra indica, allesamt in den Appendices I und II des CITES Abkommens gelistet) gehalten und gezüchtet werden. Zudem sollen Fischerei ermöglicht werden, die den Proteinbedarf der Bevölkerung decken helfen kann und lokale Fischzucht im Projekt integriert als Nahrungsquelle ebenfalls für die Schildkröten-Arterhaltungszucht dient.
Es ist geplant, in der Folge weitere, z. T. in Nepal extrem seltene, teils im Lande zwar als heimisch geltende, jedoch (noch) nicht nachgewiesene(*) Arten wie die Gattungen Cyclemys, Geoclemys*, Hardella*, Kachuga*, Melanochelys, Morenia* und Pangshura zu halten und nachzuziehen.
Weiterhin wäre es sicherlich einer Überlegung wert, ggf. auch die heimischen Krokodile und Squamata zukünftig mit in das Projekt einzubeziehen und über kurz oder lang ein Sanctuary oder Wild Animal Rescue Centre im Rahmen des geplanten Zoos zu etablieren was bereits auch schon von den lokalen Obrigkeiten andiskutiert wurde.
Hier könnten gewilderte Vögel und Säuger, verwaiste und verletzte Tiere versorgt und letztlich hervorragend in den Zoo integriert und der lokalen Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Hierdurch würden zusätzliche Möglichkeiten für nationale und internationale Forschung geschaffen, die sich neben der Herpetofauna auch den Vögeln und Säugetieren Nepals widmen könnte. Weiterhin hätte dies den positiven Effekt, dass den dort lebenden Menschen die Biodiversität ihres Landes nachhaltig vermittelt, nahe gebracht und das Problem der Wilderei, des Abverkaufs der heimischen Tiere in Drittländer, z. B. zu Speisezwecken, ökologische Zusammenhänge und die Bedeutung der einzelnen Tierarten, unter anderem auch für die Landwirtschaft erläutert werden könnten. Nicht zuletzt wird beabsichtigt, durch Einbeziehung der Hindupriester und buddhistischer Mönche vor Ort den Menschen die Tierwelt Nepals wieder vermehrt auch aus religiösen Motiven heraus ans Herz zu legen und hierdurch sowohl die buddhistischen, als auch die hinduistischen Bevölkerungsgruppen zum Naturschutz und zum verantwortungsbewussten Umgang mit teils als heilig betrachteten Tieren zu motivieren – was abgesehen davon vielleicht auch fördermittelwürdig sein könnte.
Um dies jedoch in die Tat umsetzen zu können, ist es zunächst notwendig, den geborstenen Damm wieder zu errichten und die Wiedervernässung des Geländes in die Wege zu leiten. Parallel hierzu soll eine Renaturierung des Geländes, sowie eine gezielte Sanierung der natürlichen Vegetation erfolgen, parallel zur Anlage der Fischteiche und des Schildkrötenschutzzentrums. Darüber hinaus ist geplant, der lokalen Bevölkerung ein geeignetes (Nah-)Erholungs- und Informationsangebot bereit zu stellen, das mittelfristig auch eine zooähnliche Einrichtung unter wissenschaftlicher Führung beinhalten soll, und sich vielleicht ähnlich der Madras Crocodile Bank entwickeln könnte.
ARCO-Nepal hat bereits 20.000 $ der notwendigen Gelder bereitstellen können. Weitere 20.000 $ werden noch gebraucht und sollen v. a. in den Aufbau des Turtle Conservation Centres selbst gehen. Damit könnte die Einzäunung, Bau eines Labor-, Kommunikations- und Arbeitszentrums sowie die Realisation diverser Zuchtbereiche wie Anlagen für Land- und Sumpfschildkröten, Wasserschildkröten, Aufzucht und Inkubationsstätten sowie Fischzuchtteiche finanziert werden.
ARCO-Nepal wurde von der offiziellen District Community Vertretung beauftragt, die Koordination und Planung, sowie das Management der gesamten Anlage, gemäß einem gemeinsam unterzeichneten Memorandum of Understanding, zu übernehmen. Großer Nachdruck soll darauf gelegt werden, das gesamte Projekt letztlich in nepalesische Hände zu übergeben und dafür ausreichende Nachhaltigkeit zu erzielen.
Dass die lokale Bevölkerung daraus Vorteile ziehen und ihre Bedürfnisse zu decken imstande sein soll erscheint uns vor allem um einen langfristigen Erfolg in den Schutzbemühungen erzielen zu können, vordringlich.
Bei diesem Projekt steht a priori: Arten- und Biotopschutz und müssen mit den Bedürfnissen und Nöten der Bevölkerung Hand in Hand gehen, um nachhaltig und langfristig gesehen erfolgreich sein zu können. Hier wären sicherlich Synergieeffekte z. B. in Kooperation mit internationalen Organisationen wie der TSA (Turtle Survival Alliance) oder den Kollegen in Indien denkbar und anzustreben, wobei hier lokal bedrohte Arten, wie Melanochelys tricarinata und Lissemys punctata als Flagschiffarten fungieren und den Lebensraum sowie Ökosysteme in toto repräsentieren könnten.
Nepal hat eine bedeutende Tragweite als Korridor zwischen Indien, Pakistan, Bhutan und Bangladesh und nur ein Schutz vor Ort im eigenen Land kann dort weitgehende Ausrottung seltener Arten und Lebensraumzerstörung verhindern, auch wenn z.B. in Indien schon Projekte existieren aber trotzdem über die weitgehend offenen Landesgrenzen geradezu aus diesen Nachbarländern gezielter Ausverkauf an der heimischen nepalischen Fauna betrieben wird.
Um die notwendigen und noch fehlenden Finanzmittel hierfür bereitstellen zu können führt ARCO-Nepal derzeit intensive Gespräche mit verschiedenen Stiftungen und Vereinigungen, z. B. der Zoologischen Gesellschaft für Populations- und Artenschutz (ZGAP), der Turtle Survival Alliance (TSA), sowie der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), der Deutschen Botschaft, Deutsch-Nepalische Gesellschaft und Deutsch-Nepalische Hilfsgesellschaft, ProTier-Schweiz, neben zahlreichen anderen Firmen, Institutionen und Privatpersonen.
Dennoch können die Mittel bislang noch nicht als gesichert betrachtet werden und das Projekt ist auf Spendenmittel angewiesen. Wir bitten daher auch Sie, das Turtle Conservation Centre in Budoholi durch Ihre Spenden zu unterstützen. Selbstverständlich kann Ihnen für Ihre Zuwendungen von ARCO Nepal, als gemeinnützig anerkanntem Verein eine Spendenquittung ausgestellt werden. Möglicherweise haben Sie auch - nach Realisation der Baumaßnahmen in Nepal - Interesse daran, Pate eines Tieres der TCC zu werden?
Trotz der noch nicht völlig gesicherten Finanzierung des geschilderten Projektes wurde auf der Hauptversammlung von ARCO Nepal e.V. am 17. Dezember 2011 in München beschlossen, schnellstmöglich durch gezielte Maßnahmen im Gebiet von Budoholi tätig zu werden und mit den notwendigen Arbeiten zu beginnen. Hierbei soll zunächst die Renaturierung und Vernässung des Areals vorangetrieben und mit dem Bau der Schildkrötenstation begonnen werden. Bereits jetzt, so der Beschluss der Vollversammlung von ARCO Nepal müssen von den lokalen Fischern potentielle Zuchttiere, die für Nahrungszwecke vorgesehen sind, erworben und gesichert werden, da jedes Individuum – insbesondere der sehr selten gewordenen großen Weichschildkrötenarten und der Dreikiel-Erdschildkröten, aber letztlich aller dort lebenden Spezies - als kostbar und dringend schützenswert anzusehen ist. Hierbei sollen die Tiere freigekauft, versorgt, gesund gepflegt und mit fachgerechter Interimshaltung (z.B. internationale Spezialisten und Zoos oder auch direkt vor Ort) für die Arterhaltungszucht verfügbar gemacht und erhalten werden. Auch hierfür sind dringend Finanzmittel notwendig.
Weitere Informationen und Bildmaterial erhalten Sie direkt bei den Autoren als pdf oder auch direkt über den Vorstand von ARCO-Nepal, Prof. Dr. Hermann Schleich (
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).
Spendenkonto: Stadtsparkasse München, BLZ: 70150000, Kto.-Nr.: 1000099984
Internetquelle: www.arco-nepal.de
Kontakt und Autoren:
Dr. Markus Baur, Reptilienauffangstation München, Kaulbachstr. 37, D-München; mail:
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Prof. Dr. KaluRam Rai, Mecchi University Campus (TU), Bhadrapur 5, Jhapa – Nepal; mail:
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Henk Zwartepoorte, Zoo Blydorp, NL-Rotterdam; mail:
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Prof. Dr. Hermann Schleich, ARCO–Instituto y Nucleo Zoológico, Ctjo. Sol y Vida, E-04200 Tabernas – Spanien; mail:
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Fotos und Abb.:
Siehe Powerpoint: Beschriftungen dort.
Alle Abbildungen stammen von H. H. Schleich und wurden im Buch
SCHLEICH & KÄSTLE (Eds.): Amphibians and Reptiles of Nepal, A.R.G. Gantner Verlag, Rugell, 2002
publiziert.
Aktualisiert (Montag, den 09. Januar 2012 um 20:35 Uhr)


